Anarchistischer Kommunismus – Ein einsteiger*innenfreundlicher Überblick

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Über Geschichte, Grundgedanken und Ziele des anarchistischen Kommunismus.

Es gibt diesen Moment in politischen Diskussionen, in dem jemand sagt: „Ja, schön und gut, aber wer holt dann den Müll ab?“ Meistens endet das Gespräch dort. Dabei fängt es genau da erst an. Denn die Frage ist gut – nur ist sie in einer Gesellschaft, in der Menschen sterben, weil sie sich Insulin nicht leisten können, in der Wohnungen leerstehen, während Menschen auf der Straße schlafen, in der Lebensmittel vernichtet werden, während anderswo gehungert wird, vielleicht nicht die dringendste.

Zwei Wörter, die zusammengehören

Anarchie heißt nicht Chaos. Der Begriff stammt vom griechischen Word anarchía ab und bedeutet „ohne Herrschaft“, nicht „ohne Ordnung“. Anarchist*innen wollen keine Regellosigkeit, sie wollen dass Regeln von denen gemacht werden, die unter ihnen leben, und nicht von einer Klasse von Berufsherrschenden. Der Unterschied zwischen einer Vereinbarung und einem Befehl ist der Unterschied zwischen Anarchie und Staat.

Kommunismus meint hier nicht die Staaten, die sich im 20. Jahrhundert so nannten. Das Wort kommt vom Lateinischen communis, dem Gemeinsamen, und beschreibt ein altes, einfaches Prinzip: „Von jeder nach ihren Fähigkeiten, an jede nach ihren Bedürfnissen.“ Kein Tausch, keine Buchhaltung darüber, wer wie viel geleistet hat, sondern gemeinsamer Besitz dessen, was alle brauchen.

Anarchistische Kommunist*innen sagen, das beides einander bedingt. Eine Gesellschaft ohne Herrschaft funktioniert nur, wenn niemand mehr über die Lebensmittel der anderen verfügt. Und gemeinsames Wirtschaften bleibt nur herrschaftsfrei, wenn kein Staat es verwaltet. Wo ein Staat die Produktionsmittel besitzt, gehören sie nicht allen, sondern denen, die den Staat kontrollieren. Das ist keine Spitzfindigkeit, das ist die Bilanz des 20. Jahrhunderts.

Woher das kommt

Die Idee entsteht in den 1870er Jahren, als sich in der Ersten Internationale zeigt, dass „Sozialismus“ sehr Verschiedenes meinen kann. Für die einen Eroberung der Staatsmacht, für die anderen deren Abschaffung.

Dieser Bruch ist keine Fußnote, sondern die Geburtsstunde zweier Wege, die sich seither nicht mehr getroffen haben.

Die eine Seite, vereinfacht gesagt die marxistische, später die staatssozialistische, sagt:

Um eine so gewaltige Maschine wie den Kapitalismus anzuhalten, braucht es ein Werkzeug von ähnlicher Größe. Also erobert man den Staat, notfalls durch eine Partei, die „im Namen“ der Arbeiterklasse handelt, und baut von oben die neue Gesellschaft. Ist sie fertig, so das Versprechen, werde der Staat „absterben“.

Die andere Seite, die anarchistische, antwortet:

Ein Werkzeug, das aus Befehl und Zentralisierung besteht, kann keine Gesellschaft ohne Befehl und Zentralisierung hervorbringen. Michail Bakunin formulierte das schon 1873 so präzise, dass es sich heute wie ein Bericht über das folgende Jahrhundert liest. Wenn Arbeiter*innen zu Herrschenden werden, hören sie auf, Arbeiter*innen zu sein, und beginnen, auf die Beherrschten herabzusehen. Sie werden nicht das Volk vertreten, sondern sich selbst und es aufrichtig für dasselbe halten.

Der Widerspruch liegt dabei nicht in schlechten Absichten, sondern in der Konstruktion selbst.

Niemand schafft sich freiwillig ab.

Ein Apparat aus Polizei, Geheimdienst und Verwaltung bringt eine Schicht hervor, deren Position an genau diesem Apparat hängt. Von ihr das eigene Absterben zu erwarten, ist keine Analyse, sondern ein Wunder, auf das man wartet. Dazu kommt das, Verstaatlichung keine Vergesellschaftung ist. Gehört die Fabrik dem Staat und der Staat der Partei, ändert sich für die Arbeiterin der Name auf dem Briefkopf, nicht die Tatsache, dass andere über ihre Arbeit bestimmen. Die russischen Betriebsräte von 1917 verloren ihre Selbstverwaltung nicht an die Kapitalisten zurück, sondern an die neue Bürokratie. Und schließlich prägen die Mittel das Ziel. Wer eine Bewegung mit Zentralkomitee und Kaderdisziplin aufbaut, hat am Tag nach der Revolution kein Personal, das Selbstverwaltung gelernt hätte, sondern eines, das Befehlsketten gelernt hat. Kronstadt 1921 und die Zerschlagung der Machnowschtschina im selben Jahr waren keine Betriebsunfälle, sondern diese Logik in Aktion – keine vier Jahre nach der Revolution.

Anarchistische Kommunist*innen ziehen daraus einen einfachen Schluss.

Es gibt keinen Umweg über die Herrschaft zur Herrschaftsfreiheit. Die neue Gesellschaft wird nicht nach der Machtergreifung verordnet, sondern in Betrieben, Vierteln und Kollektiven aufgebaut – während des Kampfes und durch ihn. Das ist ausdrücklich keine Absage an Marx‘ Analyse des Kapitalismus, die viele Anarchist*innen teilen. Es ist eine Absage an die Vorstellung, man könne mit dem Staat gegen den Staat kämpfen.

Der bekannteste Kopf des anarchistischen Kommunismus ist Pjotr Kropotkin (1842-1921), russischer Fürst, Geograf, Aussteiger aus der eigenen Klasse.

Sein Argument in Die Eroberung des Brotes: „die Produktionsmittel müssen als Kollektivprodukt der Menschheit wieder in Kollektivbesitz der Menschheit gelangen; der individuelle Besitz ist weder gerecht noch nutzbringend; Alles soll Allen gehören, da Alle dessen bedürfen, da Alle nach Maßgabe ihrer Kräfte den Reichtum haben schaffen helfen, und da es faktisch unmöglich ist, den Anteil zu bestimmen, welcher in der gegenwärtigen Produktion einem Jeden zufallen könnte.“ Wenn niemand das gerecht bestimmen kann, sollten wir es lassen und nehmen, was wir brauchen.

In Gegenseitige Hilfe nahm er sich als Naturforscher den Sozialdarwinismus vor. Nicht der Kampf aller gegen alle sei der Motor der Evolution, sondern Kooperation. Wer heute Verhaltensbiologie liest, findet dort mehr Kropotkin als Hobbes.

Dazu kommen Errico Malatesta, der die Frage der Organisierung schärfte, Emma Goldman, die früh sagte, dass eine Revolution nichts wert ist, wenn sie Patriarchat und Sexualmoral unangetastet lässt, und im deutschsprachigen Raum Gustav Landauer und Erich Mühsam. Landauer prägte den Satz, dass der Staat kein Ding sei, das man zerschlägt, sondern ein Verhältnis, das man durch andere Verhältnisse ersetzt. Mühsam schrieb 1932 in Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat, dass: „Der Versuch, mittels eines Übergangsstaates vom Kapitalismus zum Sozialismus zu gelangen, ist durch das Wesen des Staates als anordnende Zentralgewalt zum Scheitern verurteilt. Die staatliche Ordnung beruht auf dem Verfahren der Übertragung der öffentlichen Dienste auf eigens zu diesem Zweck aus der Gesamtheit ausgesonderte Beamte. Wollte […] der Sozialismus seine Daseinsformen nach demselben Verfahren einrichten, so würde sich die Wiederholung des Vorgangs ergeben, der […] Klassenschichtung des Volkes und folgerichtig die Enteignung der Gesamtheit durch die starkgemachte Minderheit, die Ausbeutung, den Kapitalismus herbeiführte.“ – wenige Monate bevor die Nazis ihn verhafteten und 1934 in Oranienburg ermordeten.

Wie eine solche Gesellschaft aussehen kann

Vorweg. Was jetzt kommt, ist kein Bauplan. Anarchist*innen misstrauen Blaupausen, weil eine Gesellschaft, die von oben nach Modell errichtet wird, schon wieder eine Gesellschaft mit einem Oben wäre. Was folgt, sind Prinzipien und Erfahrungswerte aus Theorie, aber vor allem aus gelebter Praxis. Wie es konkret aussieht, entscheiden die Menschen, die darin leben, und es wird in Athen anders aussehen als in einem Dorf im Emsland. Das ist kein Mangel, das ist der Punkt.

Besitz und Eigentum

Der Ausgangspunkt ist eine Unterscheidung, die im Alltag völlig einleuchtet und im Recht systematisch verwischt wird. Besitz ist das, was du benutzt: deine Zahnbürste, dein Fahrrad, deine Wohnung, dein Werkzeug, dein Instrument. Das nimmt dir niemand weg. Der Witz vom „geteilten Toaster“ geht am Thema vorbei.

Eigentum dagegen meint die rechtliche Verfügung über Dinge, die man selbst nicht nutzt, sondern durch die man über die Arbeit oder das Leben anderer verfügt: das Mietshaus, in dem andere wohnen, die Fabrik, in der andere arbeiten, das Patent auf ein Medikament, das Wasserrecht an einem Fluss. Genau hier setzt der anarchistische Kommunismus an. Nicht bei deinen Sachen, sondern bei den Hebeln, mit denen Menschen andere Menschen abhängig machen.

Alles, was zur Grundlage des Lebens gehört – Boden, Wohnraum, Produktionsstätten, Energie, Wasser, Verkehrswege, Wissen, Netze – wird zu Gemeingut. Nicht verstaatlicht, sondern in die Verwaltung derer gegeben, die es nutzen und die davon betroffen sind. Die Ökonomin Elinor Ostrom hat übrigens mit Feldforschung gezeigt, dass genau das funktioniert. Gemeingüter, die von den Nutzenden selbst verwaltet werden, sind über Jahrhunderte stabil geblieben – Almwirtschaft, Bewässerungssysteme, Fischgründe. Die berühmte „Tragik der Allmende“ ist kein Naturgesetz, sondern beschreibt einen unregulierten Markt, nicht ein Gemeingut.

Wie Entscheidungen getroffen werden

Das Herzstück ist die Versammlung. In der Nachbarschaft, im Betrieb, in der Schule, im Krankenhaus, im Stadtteil. Wer von einer Sache betroffen ist, entscheidet über sie mit. Das ist der zentrale Maßstab – Nicht Wohnsitz, nicht Mitgliedschaft, nicht Anteilsbesitz, sondern Betroffenheit.

Weil aber nicht alle über alles entscheiden können und wollen, gibt es Delegation. Der Unterschied zur Repräsentation ist entscheidend:

  • Delegierte werden für eine konkrete Aufgabe entsandt, nicht für eine Amtszeit.
  • Sie haben ein gebundenes Mandat. Sie tragen vor, was ihre Versammlung beschlossen hat, sie erfinden es nicht selbst.
  • Sie sind jederzeit abwählbar, nicht in vier Jahren, sondern nächste Woche.
  • Sie rotieren, damit sich kein Berufspolitiker*innentum bildet.
  • Sie bekommen keine Privilegien, keine Immunität, kein Dienstwagen. Darüber liegt die Föderation. Freiwillige Zusammenschlüsse von Versammlungen und Räten, die von unten nach oben aufgebaut sind. Ein Stadtteil schickt Delegierte in den Stadtrat, Städte in die Regionalföderation, Regionen in die überregionale.
  • Aber und das ist der Kern, die Bewegung geht nach oben, nicht nach unten. Die Föderation koordiniert, sie befiehlt nicht. Wer sich nicht anschließen will, kann austreten. Das ist keine Pyramide, das ist ein Netz.

Dazu kommt eine zweite Achse. Neben der örtlichen Organisierung (Nachbarschaft, Stadt, Region) gibt es die funktionale (Gesundheitswesen, Bahn, Energie, Bildung). Das Bahnnetz wird nicht von einem Dorf verwaltet, sondern von allen, die daran arbeiten und es nutzen, über eine eigene Föderation. Beide Achsen überlagern sich und kontrollieren sich gegenseitig.

Und wie wird abgestimmt? In der Praxis meist im Konsens, wo es geht, mit qualifizierten Mehrheiten, wo es sein muss. Konsens ist kein Zwang zur Einstimmigkeit, sondern ein Verfahren, das Einwände ernst nimmt statt sie zu überstimmen. Es ist langsamer, aber es erzeugt Entscheidungen, die getragen werden, statt Entscheidungen, gegen die 49 Prozent arbeiten.

Wer produziert was und woher weiß man das?

Das ist die Frage, an der sich alles entscheidet, und sie verdient eine ehrliche Antwort: Es gibt kein perfektes Modell, aber es gibt gute Ansätze.

Der Grundgedanke ist eine Bedarfsplanung von unten. Nachbarschaften und Betriebe melden, was sie brauchen. Betriebe melden, was sie herstellen können und was sie dafür benötigen. Diese Informationen laufen in Koordinationsstellen der Föderationen zusammen, werden abgeglichen, zurückgemeldet, angepasst. Das ist kein Fünfjahresplan aus dem Ministerium, sondern ein wiederholender Prozess, eher wie ein Verkehrsleitsystem als wie ein Befehl.

Kropotkin hatte dafür schon 1892 eine sehr praktische Idee. Man fängt mit einer Bestandsaufnahme an. Was ist da? Wie viele Wohnungen, wie viel Getreide, wie viel Kohle, wie viele Ärzt*innen? In der ersten Phase geht es nicht um Optimierung, sondern darum, dass sofort alle satt werden und ein Dach über dem Kopf haben. Alles Weitere kommt danach.

Für den Alltag muss man sich das nicht als Riesenapparat vorstellen. Ein Großteil der Verteilung läuft schlicht über freien Zugang. Man geht ins Lager, in die Ausgabe, in die Kantine, in die Bibliothek und nimmt, was man braucht. Klingt utopisch – ist aber genau das, was Leitungswasser, Bibliotheken, Straßen, Parks, Notaufnahmen und Feuerwehr längst tun. Niemand hortet Leitungswasser oder verlangt eine Bedarfsprüfung für die Nutzung des Bürgersteigs.

Für tatsächlich knappe Dinge wie seltene Medikamente, begrenzte Wohnungen in einer beliebten Straße oder Spezialgeräte braucht es transparente Verfahren: Dringlichkeit, Warteliste, Rotation, Losverfahren, gemeinsame Aushandlung. Das ist unbequem und wird nicht immer alle zufriedenstellen. Der entscheidende Unterschied zum Jetzt ist aber, es entscheidet nicht der Geldbeutel, und die Kriterien sind offen und veränderbar.

Und moderne Technik hilft hier tatsächlich. Logistik, die heute dafür verwendet wird, Warenströme profitabel zu steuern, kann genauso dafür verwendet werden, Bedarfe zu decken. Amazon plant bereits eine Volkswirtschaft mittlerer Größe – nur eben für Aktionär*innen statt für Menschen.

Auch die anarchistischen Syndikalist*innen hatten bereits vor knapp 100 Jahren solche Prinzipien in den sogenannten „Arbeiter*innenbörsen“ durchdacht. Anfänglich lediglich als Arbeitsvermittlungsstellen von Arbeiter*innen für Arbeiter*innen gedacht, entwickelten sich die Arbeiter*innenbörsen zu vielseitigen Kampforganisationen der revolutionären Arbeiter*innenschaft. Einzelne syndikalistische Teilgewerkschaften einer Region schlossen sich nach dem grundlegenden Prinzip des Föderalismus zu einer Arbeiter*innenbörse zusammen. Im Falle einer Revolution sollte dieser die Aufgabe zukommen, die Wirtschaft ohne zentrale Instanzen zu planen und sowohl den Konsum als auch die Produktion in Zusammenarbeit mit den Industrieverbänden zu regeln.

Arbeit

Das Ziel ist nicht, dass niemand mehr arbeitet, sondern dass niemand mehr muss. Wer keine Miete zahlen muss, um zu wohnen, und nicht bezahlen muss, um zu essen, arbeitet freiwillig und das ändert alles.

Zunächst würde schlicht enorm viel Arbeit wegfallen. Werbung. Versicherungswirtschaft. Der gesamte Finanzsektor. Inkasso. Ein Großteil der Verwaltung, die nur existiert, um Ansprüche zu prüfen und Knappheit zu verwalten. Geplante Obsoleszenz. Patentabteilungen. Vermögensberatung. Bewachung von Eigentum. David Graeber hat dafür den Begriff der „Bullshit-Jobs“ geprägt. Tätigkeiten, deren Verschwinden niemandem auffiele, außer den Menschen, die sie ausüben müssen und daran leiden.

Was übrig bleibt, verteilt sich auf viel mehr Schultern. Kropotkin rechnete mit vier bis fünf Stunden täglich für alle Erwachsenen, um ein gutes Leben zu produzieren und das mit der Technik von 1892.

Für die wirklich unangenehme Arbeit und die gibt es, kennt der anarchistische Kommunismus drei Antworten:

  • Automatisieren, wo es geht. Ohne Profitzwang gibt es endlich einen echten Anreiz dazu, die Drecksarbeit wegzurationalisieren statt die Arbeitenden.
  • Rotieren, wo es nicht geht. Alle machen mal Kanalisation, alle machen mal Nachtdienst.
  • Und anerkennung. Wer die harte Arbeit macht, macht dafür weniger Stunden. Die spanischen Kollektive haben genau so gearbeitet.

Wichtig ist außerdem, was der Kapitalismus systematisch unsichtbar macht. Sorgearbeit. Kinder, Kranke, Alte, Haushalt – das ist die Arbeit, ohne die keine andere möglich wäre, und sie wird bis heute überwiegend unbezahlt und überwiegend von Frauen geleistet. Eine anarchistisch-kommunistische Gesellschaft, die das nicht ins Zentrum stellt, wäre keine. Konkret heißt das: gemeinschaftliche Kinderbetreuung, Küchen und Wäschereien im Viertel, Pflege als gemeinsame Aufgabe statt als private Zumutung, und die schlichte Erwartung, dass alle Geschlechter daran beteiligt sind. Die spanischen Anarchistinnen von Mujeres Libres haben genau darum gekämpft – auch gegen die eigenen Genossen.

Wohnen und Stadt

Wohnraum wird dem Markt entzogen. Wer wohnt, verfügt über die Wohnung, aber niemand kann Wohnungen besitzen, in denen andere wohnen. Leerstand wird geöffnet, Verteilung nach Bedarf organisiert.

Eine vierköpfige Familie bekommt mehr Raum als eine Einzelperson, wer Pflege braucht, wohnt barrierefrei.

Städtebaulich hat der Anarchismus eine eigene Tradition, die von Kropotkin bis zu Murray Bookchin reicht. 

Entflechtung von Stadt und Land. Keine Metropolen, die vom Umland leben, und keine ausgeblutete Provinz. Stattdessen überschaubare Einheiten mit eigener Lebensmittelproduktion, eigenem Handwerk, kurzen Wegen. Nicht aus Nostalgie, sondern weil eine Gesellschaft, die ihre eigene Versorgung kennt und kontrolliert, viel schwerer zu beherrschen ist.

Ökologie

Das ist kein Anhängsel, sondern ergibt sich zwingend. Der Kapitalismus muss wachsen. Ein Unternehmen, das nicht wächst, verliert. Deshalb ist er strukturell unfähig, mit endlichen Ressourcen umzugehen, egal wie viele Klimakonferenzen stattfinden. Eine Wirtschaft, die für Bedürfnisse produziert, hat dieses Problem nicht. Bedürfnisse sind sättigbar, Profit ist es nicht.

Konkret heißt das, langlebige, reparierbare Produkte statt geplantem Verschleiß. Regionale Kreisläufe. Gemeinsame Nutzung statt Vervielfachung (ein Werkzeugverleih pro Straße statt dreißig Bohrmaschinen, die je zwölf Minuten im Jahr laufen). Und Entscheidungen über Eingriffe in die Natur bei denen die dort leben, nicht bei einem Konzernvorstand auf einem anderen Kontinent.

Konflikte, Verbrechen, Sicherheit

Die ehrlichste Antwort zuerst. Konflikte verschwinden nicht. Menschen werden weiter streiten, verletzen, betrügen, gewalttätig werden. Was verschwindet, ist ein sehr großer Teil der Ursachen. Ein Großteil dessen, was heute als Kriminalität gilt, sind Eigentumsdelikte, und die haben in einer Gesellschaft ohne Armut schlicht keinen Anlass mehr. Kropotkin, der als Justizreformer über Gefängnisse geschrieben hat, war überzeugt: Nimm Elend und Demütigung weg, und der Großteil der Delikte geht mit.

Für den Rest gibt es andere Werkzeuge als Strafe. Restaurative Verfahren stellen nicht die Frage „Welches Gesetz wurde gebrochen und welche Strafe steht darauf?“, sondern „Wer wurde verletzt, was braucht diese Person, und was muss geschehen, damit es nicht wieder passiert?“ Das ist keine anarchistische Erfindung, das wird heute in Neuseeland, Kanada und Norwegen praktiziert, mit deutlich besseren Rückfallquoten als Gefängnisse.

Wo Menschen andere akut gefährden, wird eine Gemeinschaft sie stoppen und Schutz organisieren. Der Unterschied ist, dass dies transparent, kontrolliert und zeitlich begrenzt geschieht und nicht durch einen bewaffneten Apparat, der niemandem außer sich selbst Rechenschaft schuldet. Kollektive Selbstverteidigung statt Berufspolizei, Vermittlung statt Richterstand, Wiedergutmachung statt Wegsperren.

Und Verteidigung nach außen? Die spanischen und ukrainischen Erfahrungen zeigen: Förderiert organisierte Milizen mit gewählten und abwählbaren Verantwortlichen. Das ist militärisch schwieriger als eine Berufsarmee. Aber eine Berufsarmee mit Befehlshierarchie ist ein Staat im Wartestand.

Kinder, Bildung, Kultur

Bildung ohne Zwang und ohne Sortierung. Die anarchistische Pädagogik – von Leo Tolstois freien Bauernschulen über Francisco Ferrers Escuela Moderna bis zu heutigen freien Schulen geht davon aus, dass Menschen von sich aus lernen wollen und dass Noten, Prüfungen und Konkurrenz genau diese Neugier zerstören. Statt Selektion für den Arbeitsmarkt: Lernen aus Interesse, in altersgemischten Gruppen, mit Erwachsenen als Begleitung statt als Autorität.

Und Kultur wird das, was sie vor der Verwertung war, etwas, das Menschen machen, nicht etwas, das Menschen kaufen. Ohne Urheberrechtsindustrie, ohne Verwertungsketten, ohne die Notwendigkeit, aus jedem Lied ein Produkt zu machen.

„Das hat noch nie funktioniert“

Doch, mehrfach. In der Ukraine 1918 – 1921 organisierten Millionen Menschen in der Machnowschtschina Land und Produktion selbst, verteidigt gegen Weiße und Rote Armee.

In Spanien 1936 – 1939 kollektivierten nach dem Putsch Francos Millionen Arbeiter*innen und Bäuer*innen Fabriken, Höfe und ganze Städte. In Barcelona fuhren die Straßenbahnen unter Selbstverwaltung, mit mehr Fahrzeugen im Einsatz und niedrigeren Preisen als zuvor. In Aragonien schlossen sich Hunderte Dörfer zu Kollektiven zusammen, viele schafften das Geld ab, richteten erstmals Schulen ein und versorgten Alte und Kranke aus dem gemeinsamen Bestand. Das war keine Idylle. Es gab Zwang gegen Kleinbauern, es gab Fehler, es gab heftige interne Konflikte. Aber es funktionierte, mitten im Bürgerkrieg, unter Bombardierung.

Heute knüpfen Chiapas (seit 1994, mit eigenen Schulen, Kliniken und Räten) und Rojava (seit 2012, mit Nachbarschaftskommunen, Frauenräten und Kooperativen) daran an, unter enormem Druck und mit allen Widersprüchen, die das mit sich bringt.

Diese Projekte sind nicht an inneren Widersprüchen zerbrochen. Sie wurden militärisch zerschlagen – von Faschisten, Stalinisten und Nationalstaaten. Das ist ein Argument über Machtverhältnisse, nicht über Machbarkeit.

Die üblichen Einwände

„Das widerspricht der menschlichen Natur.“ Welche denn? Menschen waren Jäger*innen, Sklavenhalter, Mönche, Kaufleute. Wäre Konkurrenz unser Naturzustand, bräuchte es nicht Polizei, Gefängnisse, Werbung und Eigentumsrecht, um uns bei der Stange zu halten. Man muss niemanden zwingen, seiner Natur zu folgen. Und wo Institutionen zusammenbrechen, bei Katastrophen, entsteht meist keine Barbarei, sondern spontane Solidarität.

„Ohne Anreiz arbeitet keiner.“ Wikipedia, Open Source, Ehrenamt, Pflege, Kindererziehung, Kunst – riesige Teile der tatsächlichen Arbeit laufen ohne Profitanreiz. Der „Anreiz“ im Kapitalismus ist für die meisten kein Bonus, sondern eine Drohung: Arbeite, oder verliere Wohnung und Existenz. Das ist kein Anreizsystem, das ist Erpressung.

„Ohne Staat regiert das Recht des Stärkeren.“ Der Staat ist das Recht des Stärkeren – nur mit Aktenzeichen. Er beschützt uns nicht vor Gewalt, er monopolisiert sie. Anarchismus will nicht Ordnung abschaffen, sondern sie in die Hände derer legen, die von ihr betroffen sind.

„Und was ist mit komplexen Dingen? Chipfabriken, Impfstoffe, Stromnetze?“ Genau die werden ohnehin schon kollektiv hergestellt – von Tausenden Menschen in Netzwerken, die kein einzelner Kopf überblickt. Was der Kapitalismus dazu beiträgt, sind nicht Kompetenz oder Koordination, sondern Patente, Geschäftsgeheimnisse und Konkurrenz, die Zusammenarbeit aktiv behindern. Die schnellste Impfstoffentwicklung der Geschichte lief über offen geteilte Sequenzdaten und öffentliche Grundlagenforschung und wurde anschließend privat verwertet und dem Globalen Süden vorenthalten.

„Wer holt den Müll ab?“ Wir. Wie bisher – nur ohne Subunternehmer, Konzern und Aktionäre dazwischen. Unangenehme Arbeit verschwindet nicht, sie wird geteilt, rotiert und automatisiert. Auffällig ist ohnehin: Genau die Tätigkeiten, ohne die morgen alles zusammenbräche, sind heute am schlechtesten bezahlt. Wer den Müll abholt, ist keine anarchistische Preisfrage, sondern eine kapitalistische Ungerechtigkeit.

„Nette Utopie, aber unrealistisch.“ Realistisch ist derzeit ein System, das die eigenen Lebensgrundlagen zerstört und Patente über Menschenleben stellt. Wer das für vernünftig hält und gemeinsames Wirtschaften für Träumerei, hat die Begriffe vertauscht. Abschaffung der Sklaverei, Achtstundentag, Frauenwahlrecht – alles galt als Spinnerei. Nicht weil es realistisch war, wurde es Realität, sondern weil Menschen dafür gekämpft haben.

Zum Schluss

Anarchistischer Kommunismus ist kein fertiger Bauplan, sondern eine Richtung, hin zu einer Gesellschaft in der niemand über das Leben anderer verfügt, in der das, was alle brauchen, allen gehört, und in der Menschen ihre Angelegenheiten selbst regeln.

Man muss nicht auf die Revolution warten, um anzufangen. Landauers Einsicht, dass der Staat ein Verhältnis ist, das man durch andere ersetzt, ist eine sehr praktische Anweisung. Sie beginnt beim Mietstreik, bei der KüFa, der Betriebsgruppe, dem Werkzeugverleih, dem Umsonstladen, dem selbsortganisierten Wohnprojekt – bei jeder Entscheidung, die ein Problem gemeinsam löst statt es abzugeben.

Das sind kleine Dinge. Aber sie sind die Substanz, aus der eine andere Welt besteht. Und sie beantworten nebenbei die Frage vom Anfang: Den Müll holen wir selber ab. Zusammen. Und danach machen wir was Schönes.

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