Kritische Perspektiven auf psychiatrische Diagnosen, Zwangsbehandlungen und die Individualisierung von Krise
Der Libertäre Lesekreis startet am 11.09 mit dem neuen Buch.
Wir lesen gemeinsam:
Feministische Psychiatriekritik – Über Diagnosen, Zwang und Patriarchat
Kritische Perspektiven auf psychiatrische Diagnosen, Zwangsbehandlungen und die Individualisierung von Krise
Worum geht es im Buch?
Psychiatriekritik ist aus dem feministischen Blickfeld weitgehend verschwunden – “helfende” Maßnahmen werden kaum noch gesellschaftskritisch analysiert, psychiatrisch-medizinische Ansätze nicht mehr auf ihre strukturelle Bedeutung befragt, und Geschichte scheint es in der Psychiatrie ohnehin nicht zu geben. Genau hier setzt Peet Thesing an. Ihre schmale, gut lesbare Einführung stellt die Fragen, die dabei offen geblieben sind:
Wie entstehen “psychische Krankheiten” in dieser Gesellschaft eigentlich? Wie wird zwischen krank und gesund (nicht) unterschieden – und wer trifft diese Unterscheidung? Wird Homosexualität tatsächlich nicht mehr als Krankheit betrachtet?
Womit wird psychiatrische Gewalt begründet, welche Rolle spielen legale Drogen und Therapien? Und hört die feministische Forderung »My body, my choice« ausgerechnet bei Essstörungen und Selbstverletzungen auf?
Thesing – Kulturwissenschaftlerin und Wendo-Trainerin – orientiert sich dabei konsequent am Wissen Psychiatrie-Erfahrener statt an der Deutungshoheit der Institution.
Das Buch behandelt die Trennung von gesund und krank, die Entstehung von Diagnosen, Hysterie und Homosexualität als Krankheitskonstrukte und die Macht der Gutachten. Es beschreibt, wie psychiatrische Gewalt konkret funktioniert: Fesselungen und Zwangsmedikation werden ebenso analysiert wie die subtileren psychischen Zugriffe.
Abschließend geht es um Optionen, die Handlungsfähigkeit wieder möglich machen, wenn die Psychiatrie sich eben nicht als Ort des ›Helfens und Heilens‹ erweist. Die erweiterte Neuauflage ergänzt das um Perspektiven auf Polizeigewalt, Neurodivergenz und neurobiologische Traumaforschung.
Warum lesen wir das?
Weil die Psychiatrie eine der am wenigsten hinterfragten Herrschaftsinstitutionen ist, die wir kennen.
Über Knäste, Polizei und Grenzregime wird in unseren Zusammenhängen selbstverständlich gesprochen – über geschlossene Stationen, Betreuungsbeschlüsse, Fixierungen und Zwangsmedikation deutlich seltener, obwohl hier dieselbe staatliche Gewalt wirkt, nur eingekleidet in die Sprache der Fürsorge.
Genau das macht sie so schwer angreifbar: Wo Knast Strafe genannt wird, heißt Zwang hier Behandlung. Ein Apparat, der Menschen gegen ihren Willen festhalten, fesseln und betäuben darf und dafür gesellschaftliche Zustimmung genießt, verdient unsere volle Aufmerksamkeit.
Dazu kommt die feministische Dimension.
Diagnosen sind keine Naturtatsachen, sondern historisch gewachsene Normierungsinstrumente – von der Hysterie über die Pathologisierung von Homosexualität bis zu heutigen Kategorien, die abweichendes, unangepasstes, zorniges oder erschöpftes Verhalten in individuelle Störungen übersetzen.
Was patriarchale, rassistische und kapitalistische Verhältnisse an Leid produzieren, wird in der Klinik zur Krankheit einzelner Personen erklärt und mit Medikamenten stillgestellt, statt als politischer Konflikt sichtbar zu werden.
Diese Individualisierung von Krise ist selbst ein Herrschaftsmechanismus – und dagegen anzudenken heißt, kollektive statt therapeutische Antworten zu suchen.
📍 Die wichtigsten Infos
- Start: ab 11.09.2026
- Wann: jeden Freitag, 17 Uhr
- Ort: FAU Lübeck & Libertäres Café /
Solizentrum, Willy-Brandt-Allee 11, 23554 Lübeck - Teilnahme: offen für alle
- Anmeldung: bitte vorher Bescheid geben über Instagram oder per Mail: SchwarzeScharen-HL(at)systemli.org
Kommt vorbei!
Lasst uns zusammen lesen und diskutieren! 🖤









